Neulich hatte ich ein ganz merkwürdiges Erlebnis.

Ich hatte es nach vielen Jahren aktiven Daseins als passiver SM'ler - nur scheinbar ein Widerspruch - endlich gewagt, meinem besten Freund etwas darüber anzudeuten, worin sich mein Intimleben ein wenig von dem der meisten anderen unterscheidet.

Nachdem mein Mut vorher größer war als in der tatsächlichen Situation, druckste ich ziemlich herum und versuchte, die passenden Worte zu finden, um ihm begreiflich zu machen, was ich meinte.

Mit dem üblichen Bild eines Sklaven, der die Woche über bei Wasser und Brot im Käfig lebt, um am Wochenende von der unerbittlichen Domina grausam ausgepeitscht zu werden, wollte ich ja nun nicht in Verbindung gebracht werden. Das hat mit SM, so wie ich es verstehe, nämlich überhaupt nichts zu tun, das sind einfach nur dumme Klischees.

Während ich so herumstotterte, betrachtete er mich sehr aufmerksam.

Ich glaubte, eine gewisse Missbilligung in seinem Gesichtsausdruck zu erkennen und fürchtete schon das Schlimmste.

Auf einmal schnitt er mir mit einer Handbewegung einfach das Wort ab und sagte, sinngemäß (wörtlich bekomme ich es leider nicht mehr auf die Reihe):

"Ach, du meinst SM. Das musst du mir nicht erklären, was das ist. Meine Freundin und ich, wir leben das schon seit Jahren. Wir sind übrigens beide Switcher, falls dich das interessiert. Ich habe auch schon eine Weile überlegt, wie ich dir das irgendwann mal schonend beibringen kann. Gut, dass du mit dem Thema angefangen hast."

Ich saß da und war, zugegeben, sprachlos.

Da schämt man sich und müht sich ab - und am Schluss kommt heraus, der andere ist in ganz genau derselben Lage, und das Ergebnis ist sozusagen ein Doppel-Outing.

Das hat mich sehr nachdenklich gemacht; und mir Mut gegeben.

Natürlich werde ich so etwas beim nächsten Mal bestimmt nicht wieder erleben. Aber ich kann mich daran erinnern, und das hilft mir gewiss auch über die Situationen hinweg, in denen ich auf weniger Verständnis stoße.

Michael