Ich bin 34 Jahre alt, selbständige Rechtsanwältin, Sozia einer Kanzlei, frisch geschieden, politisch aktiv im Frauen- und Gleichstellungsausschuss und in einer Senatsdeputation und ich bin bisexuell und lebe in einer D/s Beziehung mit meinem Dom. Seit ich 20 bin, weiß ich im Wesentlichen um meine Neigung, habe diese aber bis vor etwa drei Jahren niemandem gegenüber tatsächlich benannt. Als ich vor knapp zwei Jahren meinen Dom kennenlernte, Ringträger, wusste ich, worauf ich mich einlasse. Er ist in unserer Großstadt in der „Szene“ kein gänzlich unbekannter. Ich habe anfangs sogar darüber nachgedacht, ob ich ihn bitten soll, den Ring abzunehmen oder wenigstens auf Befragen zu lügen. Ich habe das dann gelassen. Zum einen fand ich es unangemessen und zum anderen gab ich mir einfach einen Ruck.

Im engeren Freundeskreis habe ich alle aufgeklärt, die Eltern meines Doms wissen ebenso Bescheid wie einige gute Bekannte und – was ich nie erwartet hätte – es ist nie negativ Thema ! Die Reaktionen waren vielleicht auch deshalb so positiv, weil ohne Vorwurf, weil mich alle privat gut kennen, wir ein sehr harmonisches Paar sind und die Menschen, mit denen ich umgehe, verstehen, dass meine Sexualität etwas Privates ist und grundsätzlich nicht thematisiert gehört. 

Blut und Wasser habe ich allerdings geschwitzt, als wir auf dem Weg zu einer Party waren und ich außer einem Kleid (ein kleines Nichts) und einem Korsett auch noch ein Halsband trug, neben mir ein großer Mann in einem langen, schwarzen Ledermantel mit einem Rohrstock unter dem Arm und einem kahlen Schädel und wir an der Ampel meiner Fraktionsvorsitzenden aus dem Frauen- und Gleichstellungsausschuss über den Weg gelaufen sind. Sie rief mich am nächsten Montag im Büro an und verlangte von mir, dass ich meinen Sitz im Ausschuss aufgebe. Ich habe sie dann gebeten mir zu erklären warum ich das tun sollte. Sie fing an zu stottern und Begriff, welchen Übergriff sie da gerade getan hatte. Während des Telefonates sah ich allerdings meine politische Karriere an mir vorbeiziehen.

Eher zum Schmunzeln waren die Begegnungen mit zwei Mandanten, die ich zuvor auf Parties kennengelernt hatte und die dann mit einem Mal in unserem Büro standen und tatsächlich zufällig Termine bei meinen Kolleginnen hatten. Man nickte höflich. 

Ich fahre mit meinem Teil-Outing sehr gut. Aus dem privaten und familiären Umfeld kommen keine Nachfragen (mehr) und ich kann mich frei bewegen ohne Furcht, dass ich in eine blöde Situation komme. In meinem Berufsleben spielt mein Privatleben einfach keine Rolle; Nachfragen in diesem Bereich werde ich immer nüchtern, höflich und abstrakt beantworten mit dem Hinweis darauf, dass ich den Sachzusammenhang zu meiner beruflichen und politischen Rolle nicht erkennen kann.

Undine